ZOÓN- DebatteAffen führen Kriege gegeneinander, Delfine scheinen aus Spaß zu töten. Der Schluss liegt nahe, dass sich das Böse – und sein Gegenteil, die Moral – nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren finden lassen. Das führt zu der Frage, ob man Kategorien wie Gut und Böse aus der Evolution ableiten kann, wie die ZOÓN-Debatte zwischen den Biologen Kai Willführ und Cord Riechelmann zeigt. Willführ meint: Moral lässt sich aus der Evolution erklären. Aber erst die Sprache erschafft sie, hält Riechelmann dagegen.Das Böse in Mensch und Tier Das Böse scheint ein Teil des Menschen zu sein. Der Mensch tötet seine Artgenossen auf grausame Art und Weise und beutet rücksichtslos seine Umwelt aus. Vor diesem Hintergrund erscheinen Tier und Natur als gut und unverfälscht und der Mensch mit seiner zerstörerischen Kultur als pathologisch und böse. Der bekannte Verhaltensforscher Konrad Lorenz sah in der Natur eine Art moralische Lehranstalt, in der der Mensch erkennen könne, wie er mit seinesgleichen umzugehen habe. Gestützt wurde diese These durch Tierbeobachtungen, die den Eindruck erwecken, dass es in der Natur fair und ritterlich zugeht. Ein Paradebeispiel ist der sogenannte Kommentkampf, bei dem Tiere wie zum Beispiel Klapperschlangen und Hirsche ihre potentiell tödlichen Waffen nicht gegeneinander einsetzen. Da dies jedoch nur eine Seite des tierlichen Verhaltens darstellt, ist diese Argumentation nicht haltbar. Bei vielen Säugetierarten beispielsweise gehört der Infantizid (das Töten von Kindern der eigenen Art) zum „ganz natürlichen“ Verhaltensrepertoire. Einige Arten wie Delfine und Schimpansen scheinen gar Spaß am Töten zu haben. Können also auch Tiere böse sein? Heute weiß die darwinsche Evolutionsbiologie, dass es in der belebten Natur nicht um die „richtige“ Moral, sondern um biologische Fitness geht. Nur solches Verhalten kann sich in der Evolution durchsetzen, das die Gene seines Trägers erfolgreich vermehren kann (Gen-Egoismus). Vermeintliche Ritterlichkeit und Fairness, wie im Kommentkampf, haben dabei nur so lange einen Platz, wie sie die effektiveren Strategien sind, um die biologische Fitness zu maximieren. Sind in einem Kontext Rücksichtslosigkeit und Brutalität die erfolgreicheren Strategien, werden sich diese durchsetzen. Beispielsweise enden die Kämpfe unter Löwen um die Vorherrschaft im Rudel nicht selten mit dem Tod des Verlierers. Selbst wenn das Tierliche nicht als Modell für das Gute und Reine taugt, käme dennoch kaum jemand auf die Idee, Tiere zu Adressaten eines menschlichen Moralbegriffes zu machen. Tierlich triebgesteuertes Verhalten kann gar nicht „böse“ sein, denn dem Tier fehlen sowohl Vernunft als auch die Fähigkeit zur Reflexion. Diese sind aber Eigenschaften des Menschen, die ihn von Tieren unterscheiden und ihn überhaupt erst moralfähig machen – so zumindest die Auffassung der traditionellen abendländisch-christlichen Philosophie. Die Frage ist aber: Weshalb ist der Mensch moralfähig, beziehungsweise weshalb besitzt er eine Moral? Da der Mensch ein Produkt der Evolution ist, liegt für die Evolutionsbiologie der Schluss nahe, dass auch seine Moral ein Produkt der natürlichen Auslese ist. In anderen Worten: Moralfähigkeit könnte den Vorfahren des heutigen Menschen einen entscheidenden Überlebensvorteil verschafft haben. Worin mag dieser (Selektions-) Vorteil bestanden haben? Diese Frage wird von Wissenschaftlern kontrovers diskutiert, und es besteht erheblicher Forschungsbedarf. Vielleicht kann man sich aber ein wenig Klarheit verschaffen, wenn man sich ansieht, wo und wann Moral in menschlichen Gesellschaften ganz besonders gefragt ist. Dies ist meist in Gruppen der Fall, deren Mitglieder untereinander stark kooperieren müssen, beziehungsweise deren eigene Interessen nur durch eine funktionierende Gruppe verwirklicht werden können. So etwas findet man beispielsweise innerhalb von Familien oder Dorfgemeinschaften, aber auch im Mannschaftssport und bei militärischen Kampfeinheiten. Die Moral schafft in diesen Gruppen Erwartungssicherheit. Jeder kann sich auf den anderen verlassen, weil man sich „moralisch“ auf eine Sache eingeschworen hat. Je stärker die Gruppe von einer erfolgreichen Kooperation der einzelnen Mitglieder abhängt, desto größer sind die moralischen Anforderungen an jeden Einzelnen. Damit besitzt die Moral etwas Nützliches, von dem im Durchschnitt alle Mitglieder einer Gruppe profitieren. Gut ist, was innerhalb einer Gruppe als wünschenswert erachtet wird – also welches Verhalten nützlich und erfolgversprechend erscheint. Zur Verdeutlichung kann folgendes Beispiel dienen: Die meisten Gesellschaften verlangen von ihren Mitgliedern, dass sie Streitigkeiten untereinander nicht gewalttätig lösen und diese nicht eskalieren lassen. Solche Normen schützen die übrigen Mitglieder und deren Interessen vor schädlichen Nebenwirkungen einer Eskalation. Zu Moralkonflikten kommt es innerhalb einer Gruppe, wenn Mitglieder gegen solche moralischen Normen verstoßen. Zu Moralkonflikten zwischen Gruppen kommt es, wenn sich ihre Moralvorstellungen unterscheiden. Aus Sicht einer Gruppe ist das „Unmoralische“ immer das, was sich gegen die Gruppe und damit gegen die eigenen Interessen wendet. Das „Böse“ ist das, was sie zerstören will. Wenn sich die Moralfähigkeit des Menschen evolutionär erklären lässt und sie sich als biologisches Merkmal unserer Art beschreiben lässt, so hat das tiefgreifende Folgen für unseren Moralbegriff. Viele Philosophen haben die Moral erforscht und hatten gehofft, dass sich prinzipiell moralische Normen (also was „Gut“ und „Böse“ ist) wie Naturphänomene erforschen und erkennen lassen. Aus der evolutionären Perspektive wird die Unterscheidung zwischen „Gut“ und „Böse“ jedoch zu einer individuellen oder besser: gruppenspezifischen Unterscheidung zwischen „Erfolg fördernd“ und „Erfolg gefährdend“. von Kai Willführ Zur Produktion von Gut und Schlecht Jede evolutionäre oder evolutionistische Herleitung der Moral hat ein schwerwiegendes Problem. Es bereitet keine Schwierigkeiten, aus einer Evolution des Menschen seine Moralfähigkeit hervorgehen zu lassen. Genauso wenig wie es schwer ist, das Denken aus einer Evolution der Materie abzuleiten. Man wird für beides, für das Denken wie für die Moralfähigkeit, eine Vielzahl an Vorläufern im Tierreich finden. Gegenseitige Hilfe und selbst rudimentäre Sprachen, die Voraussetzung des Denkens, sind nicht vom Himmel gefallen. Schwer ist es aber, mit dem Evolutionsdenken die Sphäre der Produktion in den Griff zu bekommen. Ein Wasserkraftwerk kann nicht aus dem vorher ruhig oder schnell dahinströmenden Fluss abgeleitet werden. Am Anfang des Wasserkraftwerks steht die Maschine, nicht der Fluss. Aber genau das behaupten die Evolutionisten: Für sie ist das Wasserkraftwerk bereits virtuell im Fluss enthalten. Die Natur macht schließlich keine Sprünge, sie bindet alle in die große Kette der Lebewesen. Eine creatio ex nihilo, eine Schöpfung aus dem Nichts, findet nicht statt. Natürlich kann man so denken. Schlechtes Denken ist auch Denken, ebenso wie schlechte Kunst auch Kunst ist. Nur wird man mit den Denkinstrumentarien der Evolutionstheorie einige Schwierigkeiten haben, die Maschinen des Wasserkraftwerks angemessen zu erläutern, dazu müsste man nämlich zuerst etwas von der Maschine verstehen, beziehungsweise sich noch einmal den Grundtext der modernen Evolutionstheorie, Charles Darwin also, genauer ansehen. Darwins Evolutionsdenken war und ist in seiner Wirkung eine revolutionäre Theorie, ohne dabei eine Theorie des revolutionären Bruchs zu sein. Es geht von kleinen, andauernden Veränderungen aus, die sehr lange dauern, bis sie zu manifesten Änderungen der Körper führen. Diese Änderungen haben ihren Ursprung aber immer in schon Vorhandenem, das Neue kommt aus dem Alten. Das war schon zu Darwins Zeiten nicht neu gedacht. Das Revolutionäre seiner Theorie ist der Ausschluss jeder Teleologie, der Ausschluss jeder Zielvorstellung des Strebens in der Natur zu etwas Höherem, Besserem oder auch Schlechterem. Nun gibt es aber die Vorstellung des Guten wie auch das Streben nach dem Besseren, und man kann sehr genau sagen, wie sie in die Welt kamen: mit der Sprache. Es ist die prädikative Struktur der menschlichen Satzsprache, die es möglich macht, unabhängig von der Sprechsituation über Gutes und vom Guten aus auch über Gerechtes zu sprechen. Mit der Sprache hat der Mensch also eine Technik erfunden, die es ihm möglich macht, aus der Ziellosigkeit des natürlichen Prozesses buchstäblich auszusteigen. Insofern hat die Bibel schon Recht, wenn sie feststellt: Im Anfang war das Wort. Mit der Satzsprache kommt etwas Neues in die Welt, und danach sieht die Welt anders aus, genauso wie mit der Maschine etwas Neues in die Welt kommt. Man befindet sich hier im Reich des Homo faber, des menschlichen Produzenten und der Produktion. Und die Produktion ist auch Erfindung, Schöpfung kurz: creatio ex nihilo. Der Produktion haftet ein kreationistisches Element an, sie schafft Neues. Darwin wusste um dieses Problem. Dass er sich aus den religiösen und theologischen Kämpfen seiner Zeit in der englischen Gesellschaft heraushielt, hat hierin vielmehr seinen Grund als in der immer wieder behaupteten Rücksichtnahme auf die Religiosität seiner Frau Emma. Lösen musste er den Konflikt schon deshalb nicht, weil seine Theorie keine Ethik implizierte und auch nie eine Anleitung zu irgendeiner Ethik sein wollte. Darwin war kein Naturphilosoph, er war, mit den Worten des Dichters Ossip Mandelstam, ein Kriegsberichterstatter der Natur. „Darwin dichtet der Natur keinerlei Ziel an und verneint jedes Heilsprinzip in ihr“, schreibt Mandelstam und fügt hinzu: „Völlig fern liegt ihm der Gedanke, ihr einen Willen oder vernünftige Motive zuzuschreiben.“ Das ist eine sehr gute Zusammenfassung des darwinschen Denkmodus, der in vielen Fällen zeitgenössischen Evolutionisten verlorengegangen ist. Exemplarisch dafür ist Richard Dawkins’ Metapher vom „egoistischen Gen“. Eingeführt habe er sie, um im Reich der Natur jede Teleologie auszuschließen. Mit der Eigenschaftsbeschreibung „egoistisch“ führt er aber die Teleologie auf der genetischen Ebene gleich wieder ein. Das Ziel der Gene sei es, egoistisch zu sein und so ihre möglichst weite Verbreitung buchstäblich „zu wollen“. Natürlich ist das, nach Darwin, nicht. Es bleibt das Problem einer jeden evolutionistischen Theorie, dass sie sich in ihren Aussagen einer Technik bedienen muss, die nicht natürlich ist: der Sprache. Auch wenn die Evolution wahr ist, bleibt die Gewissheit, dass ihre Theorie gar nicht so natürlich ist. Wenn sich die Moralfähigkeit des Menschen evolutionär erklären und sich als biologisches Merkmal unserer Art beschreiben lässt, so hat das insofern tiefgreifende Folgen für unseren Moralbegriff, da er universell gültig formuliert werden muss. Relativistische Zuschreibungen wie „Erfolg“ gilt es darin genauso zu vermeiden wie das Wort „egoistisch“. Ein großer Ethologe der Ethik, Baruch de Spinoza, sagt es so: „Wenn die Menschen frei geboren würden, so würden sie, solange sie frei blieben, keinen Begriff von Gut und Schlecht bilden“. von Cord Riechelmann Kai Willführ, geboren 1977, ist Biologe und arbeitet in einer interdisziplinären Forschergruppe unter der Leitung von Prof. Dr. Eckart Voland am Zentrum für Philosophie und Grundlagen der Wissenschaft der Justus-Liebig-Universität Gießen Cord Riechelmann, geboren 1960, hat Biologie und Philosophie an der FU Berlin studiert und lebt als freier Autor in Berlin. Er war Lehrbeauftragter für das Sozialverhalten von Primaten und für die Geschichte biologischer Forschung. |
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Kommentare
Was nützt die Güte
Wenn die Gütigen sogleich erschlagen werden, oder es werden erschlagen
Die, zu denen sie gütig sind?
Was nützt die Freiheit
Wenn die Freien unter den Unfreien leben müssen?
Was nützt die Vernunft
Wenn die Unvernunft allein das Essen verschafft, das jeder benötigt?
Anstatt nur gütig zu sein, bemüht euch
Einen Zustand zu schaffen, der die Güte ermöglicht, und besser:
Sie überflüssig macht!
Anstatt nur frei zu sein, bemüht euch
Einen Zustand zu schaffen, der alle befreit
Auch die Liebe zur Freiheit
Überflüssig macht!
Anstatt nur vernünftig zu sein, bemüht euch
Einen Zustand zu schaffen, der die Unvernunft dereinzelnen
Zu einem schlechten Geschäft macht!
1935
Welches Wunder unserer Kultur verbirgt sich hinter Kants Aufforderung, Verstand und Vernunft als Verpflichtung anzusehen und moralische Maßstäbe zu entwickeln, Menschenwürde und Menschenrechten oberste Priorität zu verleihen, was letztlich auch den Schutz aller Wesenheiten impliziert.
So muss also unsere Erkenntnis darin bestehen, dass wir uns zu keiner Zeit auf das "Tierliche" in uns zurückziehen können. Albert Schweitzer formuliert das so: "Ethik ist ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt." Was gut oder böse ist, ergibt sich schlüssig daraus.
"Im Anfang war das Wort": "logos" meint darin mehr als das gesprochene Wort, und so folgt in der Schöpfungsgesch ichte als Bild der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Müßig, weil nicht ergründbar, ist die Frage, was zuerst da war, die Erkenntnis oder die Sprache, und was davon ein Ergebnis der Evolution ist. Tatsache ist, dass auf das gesprochene Wort das geschriebene, dann das gedruckte folgte, was insgesamt Austausch und Weiterentwicklu ng der Gedanken erleichtert.
Lizenz zum Töten...also ganz natürlich und Bestandteil der menschlichen Natur? Das erklärt manches und rechtfertigt nichts. Moralfähigkeit sagt nichts aus über die Moral, die sich daraus entwickelt. Der Artikel auf Seite 38 "Soldaten auf vier Beinen" macht das beispielhaft und erschreckend anschaulich.
Wozu der Mensch fähig ist, haben uns der Nationalsoziali smus und auf traurige Weise auch die Milgram-Experimente gezeigt. Ist es da nicht zynisch, Moral auf gruppennützlich e Werte und Normen zu reduzieren?
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